Sanssouci

Der europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS ist derzeit nicht zu beneiden: Da ist zunächst der Airbus A380, das weltgrößte Passagierflugzeug, das nicht so richtig abheben will. Im Mai gab EADS bekannt, dass mit weiteren Verzögerungen bei der Auslieferung zu rechnen sei. Dann der gescheiterte Verkauf von Airbus-Werken in Deutschland und Frankreich, was den EADS-Sanierungsplan „Power 8“ durcheinanderwirbeln dürfte. Schließlich der Rückschlag bei einem Großauftrag des US-Militärs für den Bau von Tankflugzeugen, der nach einer Beschwerde von Konkurrent Boeing und einer anschließenden Empfehlung des Rechnungshofs des US-Kongresses auf der Kippe steht. Und irgendwie passt auch der Fall Noël Forgeard ganz gut in die allgemeine Krisenstimmung: Gegen den Ex-Co-Chef von EADS wird wegen mutmaßlicher Insidergeschäfte ermittelt. Für EADS könnte die Affäre einen großen Ansehensverlust nach sich ziehen.

1153399947_81d25e6cfe_m.jpgAngesichts der Liste aktueller Probleme wären EADS und die Tochter Airbus gut beraten, Auseinandersetzungen im Konzern so weit wie möglich zu vermeiden. Weil EADS aber der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern ist, und trotz aller Einigungsrhetorik nationale Interessen in Europa noch längst nicht aus der Mode gekommen sind, sind interne Konflikte bereits in der Unternehmensstruktur angelegt. Zwischen den beiden größten Partnern Frankreich und Deutschland knirscht es derzeit wieder heftig. Für EADS ist das ein klarer Nachteil im globalen Wettbewerb mit Boeing. Für Europa ein weiterer Beweis dafür, dass hinter dem schönen Schlagwort der gemeinsamen Industriepolitik weiter um wirtschaftlichen Einfluss und Arbeitsplätze gezankt wird.

Vor allem am Airbus-Sitz in Toulouse sind die deutsch-französischen Gräben derzeit unübersehbar. Die Lokalzeitung „La Dépêche du Midi“ lieferte kürzlich einen düsteren Bericht über die Stimmung in den Werken der ville rose:

Des tags anti-allemands ont été découverts à l’intérieur de l’usine Jean-Luc Lagardère. Des croix gammées ont même été dessinées sur les portes de toilettes. Terminée l’entente cordiale. Des voitures immatriculées Outre-Rhin auraient aussi subi des dégradations sur le parking. Sur la chaîne A380, les Français ne travaillent pas dans les avions quand les Allemands y sont et vice versa.”

452696654_7b87342c97_m.jpgGar nicht gern gesehen sind demnach die 2000 deutschen Elektriker, meist Leiharbeiter, die nach Toulouse entsandt wurden, um die Probleme bei der Kabinenverkabelung des A380 zu lösen. Die Stimmung in den Montagehallen ist so gereizt, dass EADS-Chef Louis Gallois Ende Mai nach Toulouse reisen musste, um Ruhe in die Belegschaft zu bringen. Ein Schichtleiter sagte zu „La Dépêche“: „ça ne pourra pas durer longtemps. Les gars de l’usine A380 sont au bord de l’explosion.“ Die Zeitung berichtete auch von einem Zwischenfall am Airbus-Standort Hamburg, wo einer Kontrollgruppe im April aus Toulouse der Zugang zu den Werkshallen verweigert worden sein soll. „En guise d’accueil, les Toulousains se voient interdire l’accès de l’avion par les salariés allemands, épaulés par leurs représentants syndicaux du puissant IG Metal. Du jamais vu. Les Allemands montrent les muscles. Sans hésiter.”, kommentierte „La Dépêche”.

Die Kabelprobleme des A380 gelten als Hauptgrund für die Lieferschwierigkeiten des Super-Jumbos – die wiederum für den unbeliebten Sparplan „Power 8“ mitverantwortlich sind. Bereits im Frühjahr 2007 schoben sich Deutsche und Franzosen unter dem Eindruck von „Power 8“, der den Abbau von 10.000 Airbus-Arbeitsplätzen vorsieht, die Schuld für den Kabelsalat gegenseitig in die Schuhe.

Jetzt sind die Franzosen sauer, weil die deutschen Standorte bei der Entlassungswelle angeblich bevorzugt werden. Der sozialistische Abgeordnete des Départements Haute-Garonne, Gerard Bapt, beschwerte sich Ende Mai in der Zeitung “Le Parisien”, dass in Deutschland anders als in Frankreich noch keine Stellen abgebaut worden seien. Die deutsche Politik verteidige die Arbeitsplätze in ihrem Land, Frankreich dagegen drohe „le démantelement de notre filière aeronautique“.

Der deutsche Airbus-Chef Thomas Enders räumte die Verzögerungen beim Arbeitsplatzabbau in Deutschland ein. „Wir kommen hier zu langsam voran“, sagte Enders Ende Mai der Wochenzeitung „Die Zeit“. Grund dafür sei die ausgeprägte Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Noch hat die deutsche Airbus-Führung demnach mit dem Betriebsrat nicht darüber verhandelt, wer gehen muss. Vor allem die Standorte in Frankreich, Spanien und Großbritannien haben hingegen 2007 schon mehr als 3000 Arbeitsplätze in der Verwaltung abgebaut.

Auch bei dem gescheiterten Verkauf von Airbus-Werken sehen sich die französischen Airbus-Mitarbeiter von der deutschen Seite hintergangen. Die Zeitung „Le Parisien“ zitierte aus einem vertraulichen Papier der Handelskammer Toulouse für das Pariser Wirtschaftsministerium, das den Deutschen die Schuld an dem Abbruch der Verkaufsverhandlungen mit dem französischen Zulieferer Latécoère gibt. Die deutschen EADS-Manager „sont accusés d’avoir ‚fait avorter’ sciemment la vente à Latécoère des usines Airbus de Méaulte et de Saint-Nazaire-Ville. Une ‚manipulation’ destinée à ‚spolier’ les intérêts français et qui va ‚signer l’arrêt de mort de milliers d’emplois en France’.“

EADS hatte Anfang Mai einseitig die Verhandlungen mit Latécoère abgebrochen, nachdem die Werksverkäufe in Deutschland im März gescheitert waren. Die Toulouser Handelskammer wirft den Deutschen in ihrem Brandbrief nun vor, sie hätten nie die Absicht gehabt, die deutschen Werke Varel, Nordenham und Augsburg tatsächlich zu verkaufen.

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Am Montag platzte Airbus-Chef Enders dann in einem Interview mit der französischen Wirtschaftszeitung „La Tribune“ der Kragen. Es gebe keine deutsche Vorherrschaft bei Airbus, machte er deutlich. Unter den 50 Topmanagern des Unternehmens seien die Franzosen klar in der Mehrheit. Außerdem verteidigte er die 2000 deutschen Arbeiter in Toulouse, die keineswegs „eine Invasionsarmee“ seien. Enders betonte:

„Notre problème principal aujourd’hui ne sont pas les différences culturelles, mais les mensonges propagés par certains qui veulent clairement mettre de l’huile sur le feu dans les relations franco-allemandes et porter atteinte à l’image d’Airbus et à sa réputation. Je ne vais pas rester à regarder cette chasse aux sorcières sans réagir. Les directions d’Airbus et d’EADS sont unies pour réagir face à ces éléments irresponsables.”

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Im Juli 2007 hatten Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel beim deutsch-französischen Gipfel in Toulouse feierlich den Umbau der EADS-Führung verkündet. Die deutsch-französischen Doppelspitzen in Vorstand und Verwaltungsrat wurden abgeschafft, das Management neu strukturiert. „Nous nous sommes tous mis d’accord, tous les actionnaires, pour doter l’entreprise d’une structure de direction normale, monocéphale, avec un responsable à chaque étage. Airbus et EADS sont des entreprises qui doivent être dirigées comme des entreprises, et pas comme des organisations internationales“, sagte Sarkozy damals.

Ein Jahr später zeigt sich, dass Airbus und EADS noch immer keine Unternehmen sind, die rein unternehmerisch geleitet werden. Sie bleiben eine Art “internationale Organisation”, in denen nationale Interessen ständig Gefahr laufen, die wirtschaftlichen Ziele des Unternehmens zu untergraben.

Link

– “Airbus in Hamburg. Kein Grund zum Feiern“, von Martin Kopp, Die Welt On Line, 6ten Juli 2008

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