Sanssouci

Die Berliner Straße des 17. Juni wogte vor Menschen wie zu den besten Zeiten der Love Parade, als Barack Obama am 24. Juli seine mit Spannung erwartete Rede vor der Siegessäule gab.

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Aus Berliner Sicht war die große Frage: Kommt Barack Obama als Senator aus Illinois oder als möglicher zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Redet er zu uns Berlinern oder zu den Fernsehkameras der großen amerikanischen Fernsehsender, hinter denen sich das heimische Wählerpublikum verbirgt? Sind wir wer oder sind wir mal wieder Kulisse eines Kalten Krieges, diesmal nicht zwischen zwei Weltmächten sondern zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten der amerikanischen Weltmacht?

In seiner Rede vor der Berliner Siegessäule sprach Obama viel von Freiheit, worin er sich letztlich nicht sehr von dem noch im Amte harrenden republikanischen US-Präsidenten unterscheidet. Seinen an alle Europäer gerichteten Appell, die USA nicht alleine zu lassen in ihrem Kampf für Freiheit in der Welt, wusste er jedoch geschickt in seine Erinnerung an das historische Schicksal Berlins einzubinden. So zollte er der bewegenden Geschichte der Stadt Tribut, als er sagte: „This city of all the cities knows the dream of freedom.“ Er knüpfte an die amerikanische Aufbauhilfe nach dem Zweiten Weltkrieg an und konnte es auf dieser Grundlage wagen, für mehr deutsche Truppen in Afghanistan zu werben.

Obama streifte die vielfältigen außenpolitischen Herausforderungen unserer Zeit, die von Terrorismus und Klimawandel hin zu Opiumanbau in Afghanistan, Armut in Somalia und Genozid in Darfur reichen. Aus dem erfolgreichen Sieg gegen den Kommunismus leitete er die Gewissheit ab, dass auch ein Sieg gegen Extremismus und Terrorismus möglich sei. Ebenso betonte er die Notwendigkeit transatlantischer Zusammenarbeit.

Die Berliner nahmen Obamas Rede mit großer Neugier und Interesse auf. Ihrem Klatschen war jedoch genau zu entnehmen, welches die Themen waren, die ihnen am meisten am Herzen liegen: der Irakkrieg und der amerikanische Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels.

Selbst für den Berliner Lokalpatrioten hatte Obama noch etwas im Gepäck. Er vergaß nicht zu erwähnen, dass vor genau 60 Jahren das erste amerikanische Flugzeug auf dem Boden des Flughafen Tempelhof aufsetzte. Eine Reminiszenz, die insofern die Berliner Seele rührte, als die Stadt vor kurzem in einer Volksabstimmung die schwierige Frage zu entscheiden hatte, ob just dieser Flughafen geschlossen werden könne.

In eitel Sonnenschein aufgegangen waren schließlich auch die wochenlangen Diskussionen zwischen Bundeskanzleramt, Auswärtigem Amt, Regierendem Bürgermeister und dem Bezirksamt Mitte um die Frage des Veranstaltungsortes. Das von Frank-Walter Steinmeier (SPD) geführte Auswärtige Amt betrachtete das Brandenburger Tor im Gedenken an die amerikanische Aufbauhilfe in Berlin als einen durchaus angemessenen Ort für eine Rede des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers. Kritiker warfen ihm vor, zu wenig diplomatisch seine Präferenz für einen Kandidaten zu zeigen. Das Bundeskanzleramt sah die Neutralität der deutschen Bundesregierung im US-Wahlkampf gefährdet, da bisher nur bereits amtierende US-Präsidenten und nicht Kandidaten für dieses Amt vor der Kulisse des Brandenburger Tors bedeutsame Reden gehalten hatten. So fiel die Wahl letztlich auf den Platz vor der Siegessäule, die in Sichtweite des Brandenburger Tores steht.

Ob Obama wohl wusste, dass in Wim Wenders’ mythischem deutsch-französischen Berlinfilm „Der Himmel über Berlin“ (frz. Les ailes du désir) der Engel Damiel von der Siegessäule aus seine Stadt und ihre Menschen betrachtet und sich nach Sterblichkeit sehnt, weil er den Menschen nicht nur neuen Lebensmut einflößen sondern selbst die menschlichen Empfindungen wie Freude und Schmerz spüren möchte? Von hier aus stürzt er sich ins Leben. Dies ist ein schönes Sinnbild für einen demokratischen Bewerber um das Amt des amerikanischen Präsidenten, der auszog, den Wählern neuen Mut für Wandel zu schenken und die Republikaner das Fürchten seiner außenpolitischen Erfahrung und Ambitionen zu lehren.

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Links auf Französisch:

– “La visite de Barack Obama dans la presse allemande“, Le Nouvel Obs, 25 Juli

– “Pourquoi Barack Obama reste si peu à Paris et à Londres“, Le Monde, 25 Juli

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