Sanssouci

Mit dem Mitgliedsantrag fängt es an, später kommen Manifeste und zu guter Letzt Memoiren. Was bewegt einen Politiker dazu, sich schreibend zu betätigen? Ein vergleichender Blick nach Deutschland und nach Frankreich bringt interessante Einsichten.

Die französischen Sozialisten sind gerade sehr mit sich selbst beschäftigt. Der im November stattfindende Parteitag soll zur Krönungsmesse für den neuen Parteivorsitzenden werden, für dessen Amt es an Kandidaten nicht mangelt. Einige von ihnen haben sich bereits in Stellung gebracht, und dies scheint in Frankreich zu bedeuten: ein Buch unters (Wähler-)volk zu bringen!

Ségolène Royal macht uns ein vorsichtiges Angebot (Buchtitel „Si la gauche veut des idées“), Martine Aubry ein zaghaft unmoralisches („Et si on se retrouvait“). Nur Bertrand Delanoë packt uns am hochgekrempelten Hemdsärmel und ruft uns Mut zu („De l’audace!“). Alle drei Werke haben dennoch gemeinsam, dass sie politischen Manifesten gleichkommen. Der Bürger soll, noch bevor er zum Wähler wird, erst einmal Leser sein, Leser politischer Ideen. Er soll sich rechtzeitig im Voraus vor den anstehenden Entscheidungen über die vorgeschlagenen Rezepte seiner Politiker bilden. Da hüpft das Herz eines jeden Politologen, wird doch endlich einmal der Bürger als mündig, gebildet und belesen anerkannt.

Blickt man nach Deutschland, bietet sich einem allerdings ein anderes Bild dar. Kaum hatte man die Ereignisse um den Schwielowsee verdaut, während derer der bis dato amtierende SPD-Vorsitzende Kurt Beck abgesägt und an seine Stelle Franz Müntefering gepflanzt wurde, da raschelte es auch schon im Bücherwald. Am 25. September wurde das Buch von Kurt Beck vorgestellt und es trägt den berührenden Titel „Kurt Beck. Ein Sozialdemokrat“. Der Titel des Buches klingt, als fühle sich sein Autor bemüßigt, den Nachweis zu führen, dass auch er Sozialdemokrat gewesen sei – trotz seiner von der Parteimehrheit abweichenden Positionen zur Reformagenda seiner Vorgänger oder zum Umgang mit der neuen Konkurrenz von links. Vor dem Hintergrund des Vorwurfs einer Intrige gegen ihn steigt selbstredend die Spannung vor dem Aufschlagen der ersten Buchseite.

Soll in Frankreich die Wissensgier des mündigen Bürgers und in Deutschland die Sensationsgier des Bildlesers befriedig werden? Bild jedenfalls schrieb schon nach der Lektüre erster Ausschnitte von einer Abrechnung Becks mit Müntefering.

Auch das literarische Erbe der rot-grünen Regierung, das mitunter noch nicht ganz ausgelesen auf dem coffee table liegen mag, hielt manch einer für eine Abrechnung. Wer Joschka Fischers Erinnerungen „Die rot-grünen Jahre“ las, fand einige Spitzen des Außenministers und Vizekanzlers gegen den Bundeskanzler Gerhard Schröder. In seinen ausführlichen Beschreibungen der Krisenherde, Konflikte, Kriege und Konferenzen erscheint einem das Buch jedoch manchmal auch als Rechtfertigung der schwierigen und nicht unumstrittenen Entscheidungen, mit denen sich der erste grüne Außenminister konfrontiert sah und für die er mit umsichtigem Blick auf Deutschlands internationale und historische Verantwortung eintrat. Rechtfertigungen für getroffene Entscheidungen gibt auch Gerhard Schröder in seinen mit „Entscheidungen. Mein Leben in der Politik“ betitelten Memoiren.

Während französische Politiker Bücher vornehmlich als politische Manifeste schreiben, mit denen sie ihre Ideen unters Volk bringen wollen, so scheint der Mitteilungsdrang deutscher Politiker eher daher zu rühren, dass sie sich ein Stück Deutungshoheit über ihre Politik sichern wollen. Ist es das Bedürfnis nach Rechtfertigung, die Sorge, nicht richtig verstanden worden zu sein, die einen deutschen Politiker dazu veranlasst, seinem (ehemaligen) Wähler die abschließende Evaluation seiner Politik gleich mitzuliefern?

Aus dem Rahmen dieser Interpretation fällt allerdings das neue Buch von Franz Müntefering, dessen Erscheinen für Oktober angekündigt ist und welches im Titel die eindringliche Aufforderung „Macht Politik!“ enthält. Und genau das ist es, was man schließlich als belesener Wähler von seinen Politikern erwartet: jetzt die richtige Politik zu machen.

Link: Pascal Hugues, “Wenn Politiker zu viel schreiben”, übersetzt aus Le Point

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